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Standardisiertes Interview Beispiel Essay

Das standardisierte Interview ist eine Art der Erhebung, die durch streng vorgegebene Fragen charakterisiert ist – es handelt sich sozusagen um einen mündlich erhobenen Fragebogen.
Bei der Entwicklung dieses Fragebogens sind idealerweise ähnliche Kriterien zu beachten wie beim Skalieren und der Erstellung von Tests– die Items eines Tests entsprechen hierbei den einzelnen Fragen eines Fragebogens.

Die vorgegebenen Antwortalternativen werden im Interview entweder durch die Interviewer vorgelesen, oder die Teilnehmer geben offene Antworten, welche die Interviewer dann kategorisieren. Letzteres ermöglicht den Teilnehmern spontanere Antworten– außerdem wird die Suggestivität reduziert: Teilnehmer passen ihre Antworten weniger an den Interviewer an, ein „Anchoring und Adjustment“ wird vermieden.
(Beispiel: Wenn die Frage lautet „Wie oft trinken Sie in der Woche Alkohol“ und die Alternativen lauten: „1x, 2x, häufiger“, dann verrät das einem Teilnehmer, der 3x in der Woche Alkohol trinkt, dass er innerhalb der Befragung bereits als Vieltrinker gilt – er könnte sich deshalb lieber, aber fälschlicherweise, in die 2x einordnen)
Um eine Befragung zu standardisieren müssen umfassende Vorkenntnisse über das Thema vorhanden sein. Nur so können die Fragen angemessen formuliert und erschöpfende Antwortalternativen gewählt werden. Um außerdem den Zeitrahmen einer solchen Befragung abschätzen zu können, sind oftmals Pretests (s.u.) erforderlich.

Um eine möglichst qualitativ hochwertige Befragung durchzuführen, bietet sich eine Unterteilung in 5 Punkte der Vorbereitung/Vorüberlegung an:




Mikro-Planung
Es werden die Inhalte der Themenbereiche und anschließend die einzelnen Antwortalternativen herausgearbeitet. Hierfür kann Vorwissen aus explorativen Designs, Experteninterviews, Literatur, oder eigenen Ressourcen genutzt werden. Die Fragen können offen, halboffen, oder geschlossen sein (siehe Tests). Generell gelten die gleichen Anforderungen wie an Items beim Skalieren. Sie sollten unter anderem kurz und präzise sein, nicht negativ formuliert werden, und in Schwierigkeit und Inhalten an die Teilnehmer angepasst sein. Außerdem sollten nur Fragen verwendet werden, die für die Erhebung wirklich notwendig sind, anstatt die Befragung unnötig in die Länge zu ziehen.

Makro-Planung
Diese betrachtet das Problem der guten Befragung aus etwas größerer Distanz: wie steigen die Interviewer in die Befragung ein, we passen sie zueinander, wie endet die Befragung. Im Fokus steht also die Fragenreihenfolge. Der Anfang sollte durch „Eisbrecherfragen“ eine sanfte Eröffnung bieten.
Falls es im Interview Themenwechsel gibt, sollten diese durch gute Übergänge eingeleitet werden. Es kann sein, dass sogenannte „[Filterfragen]“ enthalten sind, welche die Struktur maßgeblich beeinflussen. (Die Frage, ob die Versuchsperson raucht, kann z.B. als Filterfrage dienen. Nur wenn die Antwort „Ja“ ist, wird nachgefragt, wie viele Zigaretten pro Tag sie raucht.)
Letzlich können teiweise Assoziationen wachgerufen werden, die die Teilnehmer in der Beantwortung der nachfolgenden Fragen beeinflussen („Halo-Effekt“) – dieser Ausstrahlungseffekt lässt sich durch Ablenkungs- und Pufferfragen abschwächen. Allerdings kann dieser Effekt auch bewusst eingesetzt werden, um die Assoziationen der Befragten bei den Folgefragen zu lenken – in diesem Fall spricht an von Trichterung.

Außerdem spielen ähnliche Punkte wie bei der Gestaltung von Tests zur Vermeidung von Verzerrungen eine große Rolle , wie z.B die Ausgewogenheit der Fragen-Polung und wie abwechslungsreich die Befragung ist. Schließlich sollte die Befragung einen angemessenen und positiven Abschluss finden (inklusive respektvoller Danksagung etc.). Das Ziel ist schließlich, dass der Befrage auch beim nächsten Mal wieder mit einem guten Gefühl teilnimmt.

Pretests_
Diese lassen sich verstehen als eine Art Testsample: die Befragung wird probehalber mit einigen Personen durchgeführt, um einen Eindruck des Ablaufs zu erhalten – hierbei fallen häufig noch einige Unstimmigkeiten auf.

In Entwicklungspretests wird die Befragung auf verschiedene Aspekte getestet um grundsätzliche Probleme zu erkennen und auszuräumen.
Typische qualitative Techniken richten sich an die Befragten. Man fordert sie auf, die ihnen gestellten Fragen zu paraphrasieren (wodurch Unverständlichkeiten offengelegt werden), oder bittet sie, ihre Gedanken während der Antwortsuche laut zu äußern („Think Aloud Method“).
Typische quantitative Techniken können auf Seiten des Interviewers angewandt werden. Diese können dann bestimmte Beobachtungen (z.B. Nachfragen des Befragten, lange Pausen) in einer extra Spalte notieren („Interaction coding“), oder nach der Befragung in Zusatzfragen besondere Beobachtungen äußern.

Abschlusspretests befassen sich dann mit dem letzten Schliff an der Befragung. So kann zum Beispiel die Fragenreihenfolge noch einmal angepasst, oder das Interview im Allgemeinen noch gekürzt werden.


Interviewer
Interviewer sollten den Befragten komplett zufällig zugeordnet werden. Es ist wichtig, sicherzustellen, dass keiner der Interviewer besondere Merkmale besitzt, die mit dem Thema der Befragung in Zusammenhang stehen. (Bei einem Interview über Rassismus könnte z.B. ein Fragensteller, der offensichtlich zu einer diskriminierten ethnischen Minderheit gehört, zu Verzerrungen führen.)
Gute Interviewer sind aufmerksam, psychisch belastbar (notwendig für angemessenen Umgang mit Problemen), selbstkritisch und anpassungsfähig. Sie können ihr eigenes Verhalten gut kontrollieren und besitzen eine ausgeprägte Allgemeinbildung, sowie umfangreiches Wissen über das Befragungsthema (allerdings nicht über die Hypothesen hinter der Befragung).
Um diese Qualitäten zu sichern und Unterschiede zwischen den Interviewern zu minimieren, werden entsprechende Schulungen durchgeführt. Diese enthalten nicht nur Informationen über den Inhalt der Befragung, sondern auch über ihren Aufbau. Man behandelt die korrekte Aufzeichnung der Antworten und den Umgang mit Schwierigkeiten während des Interviews.


Teilnehmer
Letztlich ist es wichtig, einige Überlegungen bezüglich der Teilnehmer anzustellen. Wird durch Unterschiede in ihrer Erreichbarkeit schon eine unabsichtliche, konfundierende Vorauswahl getroffen (siehe auch "Rücklaufquote" bei der schriftlichen Befragung)? (Wenn die Befragung bspw. ausschließlich über Email oder zu einer bestimmten Uhrzeit telefonisch durchgeführt wird, kommt es zu einer Unterrepräsentation bestimmter Bevölkerungsgruppen.) Aus welchen Gründen könnten Befragte die Teilnahme verweigern (bzw. aus welchen Gründen haben sie dies bereits getan) – und kann man dem entgegenwirken?
Gleiches gilt für einzelne Fragen: rührt die Verweigerung einer Antwort von Meinungslosigkeit, Uninformiertheit, Unentschlossenheit, oder einem anderen Grund her? (Um dies zu erfahren, können Interviewer vor kritischen Fragen zunächst in Erfahrung bringen, ob die Teilnehmer die Frage an sich beantworten möchten.)



All diese Maßnahmen dienen letztlich dazu, die Validität, Reliabilität und Objektivität einer Befragung gegen die Verzerrungen zu sichern, welche bei einer Befragung auftreten können.

Das standardisierte Interview

Man spricht von einem standardisierten Interview, wenn die Fragen vor dem Interview festgelegt worden sind und mit dem gleichen Wortlaut und in der gleichen Reihenfolge allen Befragten gestellt werden. Die Fragen eines standardisierten Interviews können offen oder geschlossen gestellt werden.

Das wesentlichste Argument zugunsten des standardisierten Interviews ist sehr einfach: Man sollte nicht zweierlei Maß verwenden. Wenn es darum geht Unterschiede oder Zusammenhänge zwischen Befragten im Hinblick auf eine Gruppe von Variablen aufzuzeigen, kann nie entschieden werden, ob die Unterschiede, die sich zwischen den Befragten herausstellen, auf die Unterschiede der Messtechnik oder auf die Unterschiede in den zu messenden Einstellungen etc. zurückgehen. Wenn Interviewer mit einem nicht-standardisierten Instrument die Befragung durchführen, verändern sich Wortlaut und die Reihenfolge der Fragen beträchtlich. Es hat sich wiederholt herausgestellt, dass geringfügige Veränderungen im Wortlaut der Fragen bedeutsame Veränderungen in der Häufigkeit der gegebenen Antworten bewirken können. Einstellungen, die ein Befragter äußert, werden immer zu einem beträchtlichen Ausmaß Funktion der Fragen sein, die ihm gestellt worden sind. Befürworter des nicht-standardisierten Interviews halten es hingegen gerade für wichtig, das Vorgehen von einem zum anderen Fall anzugleichen. Sie weisen darauf hin, dass gleiche Worte für verschiedene Versuchspersonen durchaus Unterschiedliches bedeuten können. Wenn man eine standardisierte Frage stellt hat man also noch lange nicht ihre Bedeutung für die Befragten standardisiert. Die Vertreter der Bedeutungsäquivalenz meinen, dass es besser sei, Wörter zu gebrauchen, die gleichwertige Bedeutung für unterschiedliche Befragte haben, und das selbst dann, wenn die Wörter objektive nicht ident sind.

Anwendungsmöglichkeiten

Das Interview bzw. der Fragebogen ist ein allgemein verbreitetes Mittel der Sozialforschung, das bei einer Vielzahl von Projekten, aber auch bei einzelnen Phasen eines Projektes unterschiedlich eingesetzt werden kann.

  • Während der Anfangsphase eines Projektes, kann es dazu verwendet werden, die passenden Dimensionen abzuklären, Hypothesen zu formulieren und die natürlichen Bezugssysteme zu enthüllen, die im Bewußtsein der Befragten vorhanden sind.
  • Die zweite mögliche Aufgabe des Interviews während einer Untersuchung liegt in seiner Verwendung als Hauptwerkzeug für eine Datensammlung. Wenn das Interview in einer Untersuchung als das hauptsächliche Instrument für die Datensammlung verwendet wird, werden die Probleme der Standardisierung der Interviewtechnik bedeutsamer als sonst.
  • Eine dritte Aufgabe des Interviews besteht darin, Ergebnisse zu klären, die sich aus dem Gebrauch anderer Techniken ergeben. So kann z.B., wenn die unabhängige Variable eines Experiments sehr komplex ist (wie z.B. bei vielen Kommunikationsuntersuchungen, in denen die experimentelle Gruppe einem Fernseh- oder Radioprogramm ausgesetzt wird), das Interview aufzeigen, welche besonderen Aspekte des experimentellen Verfahrens für die beobachteten Auswirkungen verantwortlich waren. Falls unerwartete Ergebnisse auftreten, kann das Interview dazu Anhaltspunkte liefern, warum das experimentelle Verfahren nicht die erwarteten Auswirkungen hervorbringt.

Die "Kunst" der Operationalisierung

Das Problem der Operationalisierung stellt sich beim Interview im wesentlichen als Problem der Auswahl und der richtigen Formulierung von Fragen dar.

Ein dabei oft gemachter Fehler besteht darin, daß bestimmte Begriffe der Theorie in allzu direkte Fragen übersetzt werden. Wenn ein Untersuchungsziel darin besteht, etwas über die Bestimmungsgründe einer gegebenen Einstellung herauszufinden, so könnte man den Befragten doch einfach fragen: "Warum haben sie das getan" oder "Warum denken sie so". Die Schwächen dieser einfachen Frage nach den "Warum" sind von P. LAZARSFELD (1953) zutreffend beschrieben worden. Er hat darauf hingewiesen, welche Vielzahl von Bezugssystemen auf diese Weise ans Licht gebracht werden könnten, von denen u.U. nur wenige mit dem Untersuchungsziel in Verbindung stehen könnten. In vielen Fällen besteht die schlimmste Schwäche dieses Verfahrens darin, daß man im Grunde von den Befragten erwartet, ein Wissenschaftler zu sein. Ein weiteres Grundproblem bei der Frageformulierung besteht darin, sich zu versichern, daß Fragen für den Befragten eine möglichst klare Vorstellung vom Diskussionsgegenstand erzeugen. Häufig wird in solchen Fällen eine Filterfrage verwendet, die es erlaubt, bestimmte Personen herauszufiltern und bestimmte weitere Fragen an sie zu unterlassen.

Delphi-Studie

Bei einer Delphi-Studie werden ausgesuchte ExpertInnen in einem mehrstufigen Verfahren zu einem komplexen Phänomen befragt (vgl. Häder & Häder 2000; Linstone & Turoff 2002). Besonders geeignet sind Delphi-Befragungen für die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit des Eintretens verschiedener Szenarien in Bildungsentwicklungen. Meist beginnt eine Delphi-Studie mit einer offenen, mündlichen Befragung einer kleineren Gruppe von FachexpertInnen über mögliche Szenarien und Faktoren zukünftiger Entwicklungen. Unter Ergänzung durch bestehende Theorien wird dann auf dieser Basis meist ein Fragebogen entwickelt, der einer größeren Gruppe von ExpertInnen zur Einschätzung vorgelegt wird. Nach dem ersten Ausfüllen des Fragebogens wird den teilnehmenden ExpertInnen das Ergebnis aller Befragung in geeigneter Form anonym zurückgemeldet. Dies geschieht mit dem Auftrag, den Fragebogen noch einmal auszufüllen und dabei die eigene Meinung nach Möglichkeit zu revidieren, so dass ein größtmöglicher Konsens entsteht. Der Vorteil der Delphi-Befragung liegt in der strukturierten Konsensfindung zu bestimmten Fragen, ohne dass dieser Prozess durch Faktoren wie Status der Befragten verzerrt wird. Kritisch scheint, dass durch diesen rekursiven Prozess ein Konsens erzeugt wird, der unter Umständen unter den Experten gar nicht besteht.

Literatur:
Häder, M. & Häder, S. (Hrsg.). (2000). Die Delphi-Technik in den Sozialwissenschaften. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Linstone, H. A. & Turoff, M. (Hrsg.). (2002). The Delphi Method: Techniques and Applications. New Jersey: Science and Technology University.

Quellen

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WWW: http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/edu/studium/materialien/meth.doc (98-01-03)
Stangl, Werner (1997). Zur Wissenschaftsmethodik in der Erziehungswissenschaft. "Werner Stangls Arbeitsblätter".
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/Arbeitsblaetter.html
Fronhoff, Claudia (1999). Das Interview.
WWW: http://www.ku-eichstaett.de/docs/PPF/FGPaed/arbeiten/fronh2.htm (99-11-01)
Flick, U. (Hrsg.) (1991). Handbuch der qualitativen Sozialforschung. München: Psychologie Verlags Union.
Herrmanns, H. (1991). Narratives Interview (S. 182-185). In U. Flick (Hrsg.), Handbuch der qualitativen Sozialforschung. München: Psychologie Verlags Union.
Hildum, D. C., & Brown, R. W. (1956). Verbal reinforcement and interviewer bias. Journal of Abnormal and Social Psychology, 53, 108-111.
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Mayring, P. (1996). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. München: Psychologie Verlags Union.
Strauss, A. L. (1991). Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. München: Wilhelm Finck.


Inhaltsübersicht Forschungsmethoden der Psychologie und Pädagogik